„Hannover ist kreativer als man denkt!“ Zu diesem Ergebnis kam Dr. Arno Brandt, Nord/LB, Vorsitzender des Kompetenzzentrums für Raumforschung und Regionalentwicklung in der Region, Hannover, beim diesjährigen Fachforum „Wie kreativ ist Hannover? Perspektiven der Kreativwirtschaft in der Region Hannover“ am 3. Februar 2012 in Hannover. Fünf Vorträge und eine Round-table-Diskussion beleuchteten die Bedeutung des „kreativen Potenzials“ für die regionale Wirtschaft allgemein und für die Region Hannover im Besonderen. Moderiert von Dipl.-Ing. Stephanie Rahlf, KoRiS, diskutierte man das Thema aus der Perspektive der Wirtschaftsförderung, der Wissenschaft und der Kreativszene selbst.
Prof. Dr. Klaus Kunzmann, Potsdam, und Prof. Dr. Rolf Sternberg, Leibniz Universität Hannover, nahmen dazu in ihren Vorträgen zunächst eine Abgrenzung der Kreativwirtschaft zur Kulturförderung vor. Bei der Kreativwirtschaft handelt es sich im Gegensatz zur Kulturförderung um eine Wertschöpfungskette auf allen kreativen Teilmärkten, die das Ziel haben, vermarktungsfähige Produkte zu produzieren. Bereiche wie die Theaterwirtschaft, die Musikindustrie, aber auch Architektur, Softwareentwicklung und Design werden unter anderem zur Kreativwirtschaft gezählt. Dementsprechend geht es bei der Kreativwirtschaft mehr um eine Wirtschaftsförderung als um eine Kulturförderung.
Beide Wissenschaftler warnten jedoch vor zu großer Euphorie in diesem Marktsegment. Besonders Sternberg riet davon ab, sich bei der Wirtschaftsförderung zu stark auf die Kreativen zu konzentrieren. Dies könne nur eine Welle darstellen, wie sie in der Wirtschaftsentwicklung in Abständen von 10 bis 15 Jahren immer wieder vorkomme und danach wieder abflaue. Kunzmann empfahl, diese „Modewelle“ strategisch zu nutzen und die lokalen Stärken herauszufiltern.
„Wie sexy ist Hannover eigentlich?“ Diese Frage stellte Dipl.-Ökon. Jan Devries, imug-Beratungsgesellschaft Hannover, an den Anfang seiner Analyse der Stärken und Schwächen von Hannovers Kreativwirtschaft und verglich die empirischen Daten mit denen anderer Städte. Die aktuelle „Hannover-Image-Studie“ zeigt, was Menschen vor allem mit Hannover verbinden: ein positives Naturerlebnis, die zentrale Lage und die gute Wohnsituation. Auffällig ist dabei, dass die Hannoveraner ein besseres Bild ihrer Stadt haben als Externe. Verglichen mit Bremen und Düsseldorf wird Hannover als weniger dynamisch wahrgenommen und sein Stadtbild gilt als wenig reizvoll. Dafür wird Hannover als wesentlich liebenswerter und überschaubarer gesehen als die Vergleichsstädte.
Arno Brandt konstatierte in seinem Referat, dass sich die Kreativwirtschaft in Hannover seit 2008 gut entwickelt hat. Sie beschäftigt weit über 20.000 Menschen, einen Großteil davon sozialversicherungspflichtig.
Dieses Potenzial gelte es zu nutzen. Dafür sei eine umfassende Vernetzung der Akteure nötig. Zu diesem Ergebnis kam die „Janus-Studie“ der hannoverimpuls, ExproGrund und der Fachhochschule Hannover 2009. Kai Schirmeyer, Projektleiter Kreativwirtschaft bei hannoverimpuls, stellte zu diesem Zweck das [kre|H|tiv]-Netzwerk von Hannover vor. Ziel dieses EFRE-geförderten Innovationsnetzwerkes ist die systematische Bündelung der Akteure aus verschiedenen Bereichen wie Musik, Architektur, Design und Film in einem Verein sowie ihre Qualifizierung und Beratung.
Schließlich diskutierten am „Runden Tisch“ Dr. Annette Roggatz, Deutscher Werkbund Nord e. V., Holger Maack, MusikZentrum Hannover, Benjamin Heidersberger, Heidersberger Institut Wolfsburg, Friderike Otto, Werkakademie für Gestaltung und Design, und Frank Betz, Bund bildender Künstler Hannover, die Möglichkeiten, die Hannovers Kreativwirtschaft derzeit hat, und welche Perspektiven es für die Zukunft gibt.
So seien für die Musikindustrie alle Voraussetzungen vorhanden, doch sollten die Verantwortlichen sich verstärkt darauf konzentrieren, bereits ansässige Musikstudenten und Absolventen an den Standort zu binden, anstatt Musiker aus anderen Städten anzuwerben. Ferner wird die Bildung von Zentren gefordert, in denen der ökonomische Aspekt der Arbeit vermittelt wird und man Leitungsfunktionen im Kulturbereich lernen kann. Dies sei wichtig, weil die öffentlichen Kassen leer sind und die Verteilungskämpfe um die bestehenden Fördergelder härter werden.
Dennoch blickte man zuversichtlich nach vorn, da selbst in Zeiten der Finanzknappheit in Hannover z. B. das Sprengel-Museum ausgebaut wird. Bedauert wurde im Kreis der Diskutanten das stetige Schrumpfen der Galerieszene in Hannover. Antworten darauf suchte die Runde jedoch weniger in der Forderung nach einer verstärkten Kunstförderung oder einzelnen Leuchtturmprojekten. Lieber sähe man eine Förderung in der Fläche und ressortübergreifende Lösungen, was allerdings einer gesteigerten Kreativität in der Verwaltung bedürfe.
Festzuhalten bleibt, dass in Hannover alle Voraussetzungen für eine lebendige Kreativwirtschaft gegeben sind – und dennoch wandern immer wieder Kreative ab.